Ernst – Stern. Ein Anagramm

Ein alter Mann malt Sterne. Sein Name: Ernst. Es wirkt, als wäre der Name Bestimmung, denn die Buchstaben sind die gleichen wie im Wort Stern. Allerdings musste er siebzig Jahre warten, bevor er seiner Bestimmung folgen konnte. Siebzig Jahre arbeitete er ergeben, war Mechaniker, obwohl er lieber Maler sein wollte.

Hier ist die Geschichte von Ernst Schwab. Er ist mein Onkel.

Posted in Porträts, Reportagen | Leave a comment

Das Geheimnis von Haus Nummer 15

GESCHICHTEN Ein Alter erzählt, eine Studentin schreibt auf, eine Tochter findet die Vergangenheit. Über die Rettung einer jüdischen Familie 1943 in Berlin. (Eine Geschichte, die ich erlebt habe und aufschreiben durfte)

Schief steht Evelyn Grossman auf dem Trottoir und saugt den Anblick des Hauses auf. Nummer 15. Eisenbahnstraße. Berlin. Eingehüllt in ihren schwarzen Mantel ist sie – ihr Körper eingefroren. Vom Ziegeldach bis zum zersprungenen Kellerfenster wandert ihr Blick. Dann schließt sie für Sekunden die Augen. Wenn etwas sie berührt, macht sie das oft. “Was guckt die so?”, fragt ein Junge, der schlängelnd auf dem Rad an ihr vorbeifährt, ohne dass sie es merkt. Auf dem Gepäckträger sitzt sein Kumpan. “Keine Ahnung”, sagt der. Auch Grossmans Mann und ihre Mutter, die dabeistehen, antworten nicht.

Nur einmal will Evelyn Grossman dieses Haus sehen – am 15. Dezember 2011, einem feuchtkalten Tag, der die Stadt mit schleimiger Nässe überzieht. Ein Berliner Altbau ist es. Vier Stockwerke. In jedem sechs große Fenster. Unten links die Haustür, darüber die Nummer. Fünfzehn. So ausbalanciert, so mittig. Rechts das große, offene Tor mit dem Durchgang zum Hinterhof. Das Haus macht einen erbärmlichen Eindruck, die Scheiben verstaubt, blind, mit zusammengeknoteten Vorhängen im ersten Stock, egal, je erbärmlicher, desto näher kommt die Frau mit den geschlossenen Augen der Geschichte, deren Spuren sie sucht.

Continue reading

Posted in Reportagen | Leave a comment

“I shall never, never, never see him more”

“The Plaint” – die Klage – heißt das Lied des englischen Komponisten des 17. Jahrhunderts Henry Purcell, das mich seit Anfang des Jahres begleitet. In einer wunderbar eigenwilligen Version von Giovanna Pessi und Susanna Wallumrod, in der, so scheint es, auf  jedem Ton verweilt wird, als könne damit die Zeit angehalten werden. Und der Text, so voll des Verlustes. Einer, Er, ist gegangen. “He’s gone, he’s gone, he’s gone.” Es könnte ein Liebeslied sein. Oder eines des Todes. Für mich ist es eines, das untrennbar mit dem Vatersterben verbunden ist. Denn als ich es zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass es ihm nicht gut geht und ich wusste es, als ich das Lied hörte, auf eine Art, die in die Unendlichkeit führt.

(Der Link führt auf ein anderes Purcell-Lied auf der CD “If Grief Could Wait”, auf der auch “The Plaint” ist.)

Posted in Was ich schön finde | Leave a comment

“Ich liebe ihn mehr”

LIEBE Die Dichterin Aldona Gustas schrieb ihrem Mann eine Totenklage, als er noch lebte.  “Untertoter” lautet der Titel des Werkes, das Ende 2011 im Corvinus-Presse in Berlin erschien. Ein starkes Buch

Wenn Aldona Gustas Worte sagt, die berühren – “Küsse” etwa oder “Tränen” – hebt sie die Hände und Arme von den Schultern aus in die Luft, als wären Arme und Hände schon Flügel. Was sie sagt, soll im Fliegen gesprochen sein. Im Wegfliegen – halb da unten am Tisch in ihrem winzigen Wohnzimmer, wo sie schreibt und malt, oder geschrieben und gemalt hat, und halb dort oben unter der Decke, von wo alles schon weggerückt ist, aber noch nah. Sie will die Schwere überwinden, weil sie über den Tod spricht. Nicht ihren eigenen. Noch nicht.

Continue reading

Posted in Porträts | Leave a comment

“Ich kämpfe wie ein Widder”

Ich bin immer wieder berührt von Frauen, die mir im Laufe meines journalistischen Lebens begegnen. Zuletzt habe ich Helga Rohra kennen gelernt. Die ehemalige Dolmetscherin hat Demenz. Diagnostiziert wurde die Krankheit bei ihr, als sie 53 Jahre alt war, das war vor fünf Jahren. Sie kämpft gegen die Krankheit an und ist die einzige Betroffene, die im Vorstand einer Alzheimer Gesellschaft als Lobbyistin für Demenzkranke auftritt. Ihre wichtigste Forderung: “Nichts über uns, ohne uns.”

Ich habe sie kürzlich interviewt für die taz. helga-rohra

Posted in Interview, Porträts | Leave a comment

Manchmal tanze ich im Wohnzimmer

Manchmal tanze ich im Wohnzimmer. Auf Musik, die mir gefällt. Gerade tanze ich zu Liedern einer New Yorkerin, die Shara Worden heißt. Ihre zarte, operngeschulte Stimme ist ein Faden, an dem sie mich durch ihre Melodien zieht, mal rockig, mal zickig, mal verträumt. Ich habe die CD, “All Things Will Unwind” aus der Krabbelkiste gefischt, die vor der Kulturredaktion in der taz stand. CDs und Bücher, die die KollegInnen für nicht behaltenswert erachten, sind da drin. Wer vorbeikommt, darf sich bedienen. Das finde ich schön, dass wir uns auf diese Art beschenken. Denn was für den einen nichts bedeutet, kann dem nächsten alles bedeuten. Ich kannte Shara Worden nicht, als ich die Demo-CD rausnahm, anschaute und für so interessant befand, dass ich sie mit nach Hause nahm. Dass sie mir gefällt, was für ein Glück. Vor allem das Lied “Escape Routes”. Aber ich kann es nicht beschreiben. Es ist so lange her, dass ich Musikkritiken geschrieben habe. Ich bin aus der Übung, weiß nicht mehr wie ich das, was ich höre, so beschreiben kann, dass andere es auch hören. Auf jeden Fall ist es Musik, die mir ganz oben in der Kehle sitzt. Da wo Musik süß ist.

Posted in Was ich schön finde | Leave a comment

Blech am Körper

Müll glänzt. Blechdosen, Kronkorken, Joghurtbecherdeckel, Sicherheitskappen auf Champagnerkorken und verlorene Radkappen glänzen. Es glänzen Kaffeeverpackungen und Pralinenbetten. Auch Disketten, alte Filmrollen und Schokoladenpapier.

Miss Lata ist diesem Glanz verfallen, lange schon. Damals war es eine Tomatenmarkdose. Sie nahm sie, schob ihre Haare durch und zierte ihren wippenden Pferdeschwanz damit. Verrückt? Ungewöhnlich? So ungewöhnlich auf jeden Fall, dass die junge Frau fortan “Miss Lata” hieß. “Lata” – wie Gaga. Wie Dada. Auf Spanisch bedeutet “lata” zudem “Blechdose”. Der Name entspricht so gesehen der Wahrheit.

Continue reading

Posted in Porträts | Leave a comment

Die Extraklasse

MISSERFOLG Ohne Bildung keine Zukunft – Yilmaz, Orhan, Serhan sehen das nicht so. Für sie ist Schule nur Last. In Praxisklassen bereitet man sie aufs Berufsleben vor. Aber um ihre Zukunft hätte man sich früher sorgen müssen
AUS BERLIN WALTRAUD SCHWAB

Ahlam sitzt auf einer Bank am Rand des Fußballplatzes. Sie schaut den Jungs aus ihrer Klasse zu, wie sie den Ball über das Spielfeld treiben. Ümit*, Mahmut, Taifun*, Yilmaz* und die anderen. Immer im Klüngel kämpfen sie. Alle gegen alle. Alle gegen den Ball. Meist sind sie in der hinteren Ecke verkeilt, der einzig verschatteten auf dem Platz. Ihre Körper ineinander, aneinander, bis zum Befreiungsschlag, bei dem der Ball gegen die metallenen Gitter knallt. Schreiend stäuben sie auseinander, als zerfielen sie – vorher Molekül – nun plötzlich in lauter gleiche Atome. Auseinanderhalten kann man sie kaum. Ihre Bewegungen, ihre Energie machen sie gleich, obwohl einer groß und schlaksig, ein anderer klein und dünn ist. Einer hat Pickel, einer einen schwabbligen Bauch. Alle haben Basecaps auf dem Kopf. Auf ihren T-Shirts steht “Detroit” oder “65″ oder gar nichts. Es ist heiß. Zu heiß zum Denken.

Continue reading

Posted in Essays, Reportagen | Leave a comment

»Schön ist das nicht«

Dieser Artikel von mir über einen Hausmeister in einem sozialen Brennpunkt im Berliner Bezirk Wedding wurde 2005 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Klaus Dehne ist einer, den sich die jungen Leute in der Berliner Koloniestraße nicht freiwillig zum Freund machen. Zum Gegner allerdings wollen sie ihn auch nicht. Langsam schlendern sie auf ihn zu, wenn er sie ruft. »Was treibt ihr?« – »Nichts«, antworten sie und weichen seinen eisblauen Augen aus. In den Hauseingängen rumhängen, auf dem Bolzplatz die Wut rauslassen, eine Bierdose die Straße hochkicken, ein paar Mädchen ohne Kopftuch »Schlampen« hinterherbrüllen – was soll das schon sein? »Hausaufgaben gemacht?«, fragt Dehne. »Nee«, antworten sie. »Kommt ihr vorbei und zeigt’s mir?« – »Später.« – »Wann?«, will der Hausmeister des Wohnblocks, in dem sie leben, wissen.

Continue reading

Posted in Porträts | Leave a comment

“Clara Zetkin würde sich im Grab umdrehen”

SCHIMPFWORT Es war nie eine besondere Auszeichnung, eine Feministin zu sein, meint die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz. Obwohl der Feminismus unser Denken und die Entwicklung der Gesellschaft nachhaltig beeinflusste

Waltraud Schwab: Frau Notz, im angelsächsischen Raum fing es an. Anstatt von Feminismus wurde plötzlich vom “F-Wort” gesprochen. Beunruhigt Sie das, da man ja weiß, dass bis dato eher das Wort “fuck” als F-Wort galt?

Gisela Notz: Ich finde es positiv, dass junge Frauen keine Scheu mehr vor dem Wort Feminismus haben.

Aber das haben sie doch, wenn sie statt des Wortes  “Feminismus” nun das “F-Wort” sagen.

Bloß weil das F-Wort für fuck steht? Ich sehe das nicht so.

Fuck Feminism – haben Sie das im Laufe Ihres bald siebzigjährigen Lebens nie gedacht?

Es war nie eine Auszeichnung, Feministin zu sein, aber ich habe mich immer dazu bekannt. Bis vor Kurzem haben sich junge Frauen geschüttelt bei der Vorstellung, Feministin genannt zu werden. Für sie waren Feministinnen meiner Generation nur Jammertanten, die immer noch Diskriminierung sehen, wo sie doch sicher waren, dass sie alles werden und alles sein können, was sie wollen. Es sieht so aus, als wäre diese Euphorie jetzt vorbei, aber Feministinnen wollen sie immer noch nicht sein.

Continue reading

Posted in Allgemein | Leave a comment